Texte

Zitate zeitgenössischer Künstler

Meine Wirklichkeit

"Gewiss mache ich Bilder und Plastiken, und das seit jeher, seit ich zum ersten Mal gezeichnet und gemalt habe, um die Wirklichkeit zu fassen zu kriegen, um mich zu verteidigen, um mich zu nähren und zu wachsen; zu wachsen und kräftiger zu werden, mich besser verteidigen und besser angreifen zu können, um dranzubleiben, um in jeder Beziehung und in alle Richtungen so weit wie möglich voranzukommen, um mich vor Hunger, Kälte und Tod zu schützen, um so frei wie nur möglich zu sein, so frei wie möglich, um zu versuchen – mit den Mitteln, die mir heute am ehesten entsprechen -, das, was mich umgibt, besser zu sehen und zu verstehen, die Dinge besser zu verstehen, um so frei und so wuchtig wie möglich zu sein, um mich zu verausgaben, mich in dem, was ich schaffe, so stark wie möglich zu verausgaben, um mein Abenteuer zu wagen, um neue Welten zu entdecken, um meinen eigenen Kampf zu führen, aus Spaß?, aus Freude? am Kampf, aus Spaß am Gewinnen und Verlieren."

Alberto Giacometti

"Ob eine Sache gelungen ist oder nicht, ist mir vollkommen gleichgültig. Ein gelungenes Bild, ein missratenes Bild – das ist mir völlig egal. Ob ein Bild gelungen oder missraten ist, das hat überhaupt nichts zu sagen. Das Misslungene interessiert mich genauso wie das Gelungene. Und man sollte eher die am wenigsten gelungenen Stücke ausstellen als die besten. Denn wenn die am wenigsten gelungenen standhalten, dann tun es die besten ganz bestimmt. Wenn man aber nur diejenigen auswählt, die man als die besten erachtet, so täuscht man etwas vor. Denn irgendwo sind noch andere, weniger gute, und solche, die nicht standhalten, versteckt. Und selbst wenn man sie nicht zur Schau stellt, existieren sie. Und wenn jemand sehr aufmerksam hinschaut, entdeckt er selbst bei den besten deren Schwächen. Deshalb sollte man mit den Missratensten anfangen."

Alberto Giacometti im Gespräch mit David Sylvester, aus: A. Giacometti, Werke und Schriften, 302

Thesen zur Psychoanalytischen Kunsttherapie

Psychoanalytische Kunsttherapie ist eine Therapieform, bei der sich Therapeut und Klient der schöpferischen Möglichkeiten bedienen, die im Bereich der bildenden Kunst entwickelt worden sind. Bildnerisches Gestalten bedeutet Auseinandersetzung mit weitgehend unbewussten Wünschen, Ängsten, Sehnsüchten, Hoffnungen, die oft unvereinbar und widerstreitend sind. Im schützenden Rahmen eines therapeutischen Settings kann zuvor Unbewusstes ins Bewusstsein treten. Das im therapeutischen Prozess entstehende Bild bietet Möglichkeit und Gelegenheit, den inneren Konflikten nachzugehen.

Kunsttherapeutisches Handeln leitet Vorgänge ein, die Phantasie wecken, Anlass zur Selbstreflexion geben und eine neuartige schöpferische Eigenerfahrung ermöglichen, aus der entscheidende Impulse für einen Heilungsprozess gewonnen werden können.

Im bildnerischen Arbeiten können Barrieren abgebaut werden, die den Umgang mit biographischen Problemen blockieren. Das künstlerische Gestalten leitet eine intensive Auseinandersetzung ein, die therapeutisch behutsam begleitet wird. Das entstandene Bild kann dem inneren Konflikt einen symbolischen, der Deutung und Kommunikation zugänglichen Ausdruck verleihen.

Das Gestaltete ist Auskunft über das eigene Innere, die dann intersubjektiv kommuniziert werden kann. Im Zuge der therapeutischen Durcharbeitung gewinnt es vielfältige symbolische Bedeutung, als Geschöpf, als Ersatz, als Entlastung, als Gabe, als Tastversuch oder Schritt in eine neue und offene Welt.

Psychoanalytische Kunsttherapie bedient sich der offenkundigen wie der verborgenen Ausdrucksmöglichkeiten, die in der Kunst in Jahrtausenden entwickelt worden sind, doch immer wieder neu entdeckt, herausgefunden und individuell weiterentwickelt werden können. Sie verknüpft bildnerische Mittel des Ausdrucks und der Darstellung mit solchen der verbalen Auseinandersetzung. Bild und Wort schließen sich keineswegs aus, sondern ergänzen und erhellen einander.

Kunst und Psychoanalytische Kunsttherapie haben eine gemeinsame Antriebsquelle, nämlich den Wunsch, etwas Besonderes, Geheimnisvolles, Neuartiges, Vieldeutiges, Lebendiges und Sinnstiftendes zu entdecken, das die Fähigkeit besitzt, zu stärken und einen Horizont jenseits des Alltäglichen zu eröffnen.

So führt diese Therapiemethode zur grundlegenden und lebensnotwendigen Erfahrung von Eigenwirksamkeit. Sie entdeckt und bekräftigt die latenten, unbewussten oder sogar verdrängten Möglichkeiten und Quellen, aus denen heraus eine Person sich neu finden, ihr Leben gestalten und aufbauen kann.

Beim engagierten gestalterischen wie auch künstlerischen Handeln, das Psychoanalytische Kunsttherapie in Fluss bringt, wird ­ wie auch in der Kunst selbst ­ Neuland betreten. Aus eingefahrenen Gleisen, Gewohnheiten, Fehlhaltungen und falschen Selbstbildern herauszufinden ist ein Wunsch, den wir alle hegen. Aber im Falle seelischer Leiden oder Belastungen kann solch ein Wunsch zur drängenden Notwendigkeit werden.

Collagieren als methodischer Umgang mit Fragmentierung

Einleitung

Wie keine andere künstlerische Technik hat die Collage mit Fragment, Schnitt, Bruchstück zu tun. Collage im engeren Sinne entsteht aus dem Zusammenfügen von Papierfetzen, wie das klassische Mosaik aus dem Zusammensetzen von farbigen Steinen. Das Zerstückelte findet hierbei Akzeptanz, mehr noch: es wird geradezu gefordert. Wie das Mosaik aus Steinchen, das digitale Bild aus Pixeln, so kommt die Collage aus Materialfragmenten zusammen. Vorzugsweise Papierschnipsel. Diese können bedruckt, bemalt, getönt oder auch „roh“ sein. Es sind Fetzen, aus denen die Collage zusammengesetzt wird. Aber im fertigen Werk erweist sich jedes Einzelteil als unverzichtbares Element. Es hat seinen ganz individuellen Stellenwert in einem strukturierten oder organischen Ganzen. So bietet sich die Collage an als integrativer Ort für das Zersplitterte, Disparate, Zerstreute. Dieses wird in ihr gerade auch in seiner Stofflichkeit „vergesellschaftet“. Die Einzelelemente, zunächst Trümmerstücke und defizitär, werden dem Gebilde gleichsam einverleibt. So gewinnt es die Qualität eines eigenen, aus Fremdkörpern geschaffenen Gefüges. Das paradoxe und immer wieder verblüffende Ereignis: dass aus eigentlich fremdem Quellmaterial im Zuge einer Art Assimilation ein eigener Körper, ein individueller Ausdrucksträger erwachsen oder erschaffen werden kann.

Definitorisches zur Collage

„Heute fasst die Kritik unter dem Begriff ‚Collage’ alles zusammen, was mit Collage, Assemblage, Klebebild zu tun hat. Aufschlussreich dafür ist die Publikation ‚The technique of Collage’ von Helen Hutton. Unter ‘Collage’ figurieren folgende Techniken: Assemblage, Fumage, Brûlage, Frottage, Mixed Media, Fabric, Combine Prints, Photograms, Photomontage, papier collé, Natural Collage.“ (Spies, 1988, 16)

Collagieren, Träumen

“Collage als Wunscherfüllung” (Spies, 2009, 38). Beim Collagieren wie beim Träumen wird zurückgegriffen auf einen Fundus von Erinnerungsstücken. Hier gibt es verblüffende Übereinstimmungen: wie beim Collagieren bedient sich die träumende Person eines akkumulierten Materialhaufens, um das vage vorschwebende Wunschbild zurecht zu machen. Im Prozessverlauf wird die Traumvorstellung durch das gegebene Material unablässig angereichert, umgeformt, in die eine oder andere Richtung gedrängt. Beim Collagieren veranlassen diese Zuwächse und Verwandlungen eine fortlaufende Veränderung des Blicks auf das Material und ein verändertes Such-, Auswahl- und Zugriffverhalten. Aus dem dialektischen Verhältnis von Materialarsenal und vorschwebender Bildidee geht nach und nach die Collage hervor, ähnlich wie der konkrete Traum im Schlaf. Jede Collage ist das Ergebnis eines ‚interaktiven’ Vorgangs, einer unablässigen Abstimmung zwischen dem externen Fragmenthaufen und den internen Bildvorstellungen. Diese können flüchtig oder beharrlich sein, werden durch Wahrnehmungsreize, die vom Materialfundus ausgehen, beeinflusst, erweitert, angestoßen, umgestoßen. Dies hat wiederum Auswirkungen auf die Wahl der Elemente oder Fragmente, die in die entstehende Collage eingesetzt werden.

Traum: Synthetisierung und Fragmentierung

„Der schöne Schein der Traumwelten, in deren Erzeugung jeder Mensch voller Künstler ist, ist die Voraussetzung aller bildenden Kunst.“ (Nietzsche, 1955, 48) Im Träumen werden die teils bewussten, teils vorbewussten, teils unbewussten Elemente, die das Gedächtnis zur Verfügung stellt, durch die Traumagenten nach zunächst undurchschaubaren Kriterien zusammengestellt. Der Traum führt eine Doppelexistenz. Es gibt den Traum, der sich mehr oder weniger konsistent und schlüssig, einer eigenen Logik gehorchend, im Schlaf abspielt. Und es gibt den Traum, der von der erwachten Person gleichsam über die Schwelle ins Wachbewusstsein gezogen wird. Dabei werden nur Bruchstücke der ursprünglichen oder originalen Traumgestalt herübergerettet. Hier gibt sich das Bild des Schleppnetzes an die Hand, das ein Fischer ins Boot hievt. Darin zappelt es von Meeresgetier. Nicht alles, was unter Wasser im Netz wimmelte, zieht der Fischer an Bord. Eine Menge von unheimlichen, womöglich ekligen Kleinlebewesen, und mit ihnen das Salzwasser, fließen ins Meer zurück. Anderes entschlüpft durch die Maschen, noch ehe das Netz auf Deck ausgebreitet wird. In Kürze sind Bewegung und Leben aus den Meereswesen entwichen. Sie liegen reglos umher. Der Fischer und seine Helfer sortieren den Fang. Was ihnen unbrauchbar oder ungenießbar erscheint, werfen sie über Bord ins Meer zurück. Was im Netz versammelt oder eingefangen worden war, wird nun weiterer Behandlung und Verarbeitung unterzogen. Kurz: der Traum vor dem Erwachen ist ein anderer als der Traum nach dem Erwachen. Wie in der Traumarbeit „trickreich“ aus Tagesresten ein „Traumbild“, bzw. eine Traumsequenz zurecht gemacht, gleichsam hervorgezaubert wird, so montiert das Wachbewusstsein aus dem erinnerten Traum eine ihm passende Vorstellung dadurch, dass es den Zusammenhang, den der Traum im Schlaf hatte, gleichsam zertrümmert. So kann es ihn anschließend plündern und die durch Zerschlagung entstandenen Einzelteile für seine eigenen Vorstellungen verwenden. Träume werden also immer nur bruchstückhaft erinnert, ohne ‚in Wirklichkeit’ bruchstückhaft zu sein. Im Übertrag aus dem Traumbewusstsein ins Wachbewusstsein gehen sie in die Brüche, um anschließend in der Wacherinnerung stets nur fragmentarisch zu erscheinen.

Gewöhnlich wird von einem Nacheinander von Wachen und Träumen ausgegangen. Aber das schöpferische Arbeiten lehrt, dass Träumen und Wachen simultan erfolgen. Beide Prozesse blenden einander allerdings aus. Sie sind gegenläufig (antagonistisch) ineinander verschränkt und verflochten. Es scheint, dass das Wachbewusstsein über eine Helligkeit verfügt, die den Dämmerzuständen von Halbschlaf, Trance und Traum nur eingeschränkten (Bühnen-)Raum oder Präsenz gewährt. Erinnern wir uns daran, wie der blaue Tageshimmel den nächtlichen Sternenhimmel aussperrt. Die Sterne werden nur optisch zum Verschwinden gebracht, „in Wirklichkeit“ sind sie weiterhin da. Man kann also davon ausgehen, dass sich auch im Wachzustand traumähnliche Prozesse abspielen. Sie laufen bloß unmerklich ab. Das unterschwellig verlaufende Träumen bei gleichzeitiger Wachheit ist für alle schöpferischen Zustände charakteristisch. Es gibt dem Bewusstsein ein weites Einzugsgebiet: „Der Künstler ist ein Sammelbehälter (container!) von Empfindungen, die von überall herkommen: vom Himmel, von der Erde, von einem Fetzen Papier, von einer vorübereilenden Figur oder von einem Spinnweb.“ (Picasso, nach Platschek, 1962, 67) Auch beim Collagieren ist die Person nicht auf diesen oder jenen Punkt oder Gegenstand konzentriert, sondern geöffnet, geweitet, dezentriert. Se befindet sich in einem Zustand „gleichschwebender Aufmerksamkeit“, wie Freud ihn auch für das therapeutische Arbeiten postuliert hat. Bei der Sache, also beim Collagieren sein, heißt dementsprechend nie ganz – d.h. nie konzentriert – bei der Sache zu sein: die Grenzen zwischen Bewusstem und Unbewusstem bleiben vag und durchlässig. Das entspricht der Vorstellung vom „dezentrierten Subjekt“ in der Psychoanalyse.

Zerstörung: zerschneiden, zertrümmern, zertrennen

„Der destruktive Charakter sieht nichts Dauerndes. Aber eben darum sieht er überall Wege. (...) Weil er überall Wege sieht, steht er selber immer am Kreuzweg. (..) Das Bestehende legt er in Trümmer, nicht um der Trümmer, sondern um des Weges willen, der sich durch sie hindurchzieht.“ (Benjamin, 1961, 310-312) In bildender Kunst hat alles Gestalten auch mit Zerstörung zu tun. Das makellos reine Weiß der aufgespannten Leinwand wird mit dem ersten Pinselstrich beschädigt, verunstaltet. Alles Anfangen dringt durch ungestalte Vorfelder zur Gestalt, zur Gestaltung vor. Aber vielleicht nirgendwo sonst ist der anfängliche Anteil an Destruktion größer als beim Collagieren. Entsprechend tun sich besonders aggressionsgehemmte Personen schwer beim Zubereiten des Materials. Den Anfängern lässt sich mit einem vorbereiteten Fundus aus bereits zerschnittenem Material über diese Hemmschwelle helfen. Allerdings: der authentische Zugang zur Collage geht über die eigenhändige Zerstückelung der Material- und Bildvorgaben, über eine Art Wiederaneignung unterdrückter Destruktivität. Dass destruktives Agieren oder Geschehen jetzt in eigene Regie genommen wird, mit dem Ziel und im Hinblick auf Selbstausdruck und -mitteilung, macht das Besondere dieser "Inszenierung" aus. Ein Kind hat ein zunächst unverstelltes Verhältnis zum Zerstören. Es muss das Bewahren erst noch lernen. Wir Erwachsenen haben in der Regel ein gesichertes Verhältnis zum Bewahren, zum Erhalt von Dingen, im Zerstören sind wir gehemmt. Die Lust am mutwilligen Zerstören wird im Zuge kindlicher Sozialisation ausgetrieben. Geht die Neigung, komplexe Dinge, sowohl auf der Sachebene wie auch im Gedanklichen, auseinander zu nehmen, zu demontieren, zu analysieren, auf eine frühe Lust zurück? Die destruktive Aktivität beim Herrichten und Zurichten des Collagenmaterials bezieht sich primär auf Bilder: Farbdrucke, Illustrationen, Glanzpapierprospekte, Fotos, herausgelöste Seiten aus Kunstdruckbänden und Zeitschriften aller Art. Es sind die hier anzutreffenden Abbildungen, die man mit Schere und Cutter traktiert. Sie sind allerdings immer auch „material“, insofern sie verschmolzen sind mit ihrem Substrat, mit dem Stoff, der sie trägt. Einen bemerkenswerten Schauplatz liefert das Zerreißen der Bilder mit bloßen Händen. Charlotte Kollmorgen führt in ihrem Buch „Collagen-Therapie“ ein demonstratives Zerreißen des Materials vor, das „noch so schön und unberührt erscheint“ – eine Aktion, mit der sie die Klienten ermutigen möchte, ihren gehemmten destruktiven Tendenzen freien und befreienden Lauf zu lassen. (Kollmorgen, 1988, 80)

komponieren und kombinieren

Beim Collagieren erfolgt das Zusammensetzen der zunächst unzusammengehörigen oder sogar disparaten Einzelteile nach zwei Prinzipien: Bei dem einen wird intuitiv und ungeplant vorgegangen. Die Gestaltung wird überwiegend vorbewussten Impulsen und Eingebungen überlassen. Die andere Vorgehensweise ist absichtsvoll und zielgerichtet. Das Zusammensetzen orientiert sich dabei an einer mehr oder weniger verbindlichen Vorgabe, ähnlich wie beim vorgefertigten Puzzle. Der Reiz der Collage besteht in der Verknüpfung und im Widerspiel freien und spontanen Komponierens und intentionalen-zielgerichteten Kombinierens. Beide Gestaltungsprinzipien folgen tendenziell unterschiedlichen Logiken, wie Träumen und Wachen. Im therapeutischen Setting, bei einer abschließenden Bildbesprechung, sind die im rationalen Modus durchgeführten „konstruktiven“ Schritte meist gut erinnerbar. Es lässt sich sogar begründen, warum das eine oder andere Element als passend empfunden und daher ausgewählt wurde. Wo eher träumerisch oder „schlafwandlerisch“ vorgegangen wurde, bleiben die Entscheidungskriterien unbestimmt und nicht weiter begründbar. Die Splitter und Bruchstücke haben sich unkontrolliert miteinander verbunden. Solches „Wachsen“, das „wie von selbst“ geschieht, ergibt zusammen und im Wechselspiel mit dem planmäßigen Konstruieren den Artefakt. Hände, Augen und Einbildungskraft (Imagination) sind am Zustandekommen beteiligt, im Bündnis mit einem komplexen Faktorenbündel, das wir im Begriff „schöpferischer Zufall“ zu fassen versuchen. Die im therapeutischen Setting wichtige Erfahrung von „Eigenwirksamkeit“ nährt sich aus der erfolgreichen Durchführung des kombinatorischen Vermögens und aus der Teilhabe am rätselhaften Werden und Entstehen des Gebildes aus unbewussten Bereichen. Gerade weil das Gelingen sich auch unbestimmten Momente und unverfügbaren Kräften verdankt, die sich dem Bewusstsein nicht zuschlagen lassen, geht nicht nur das Ich, sondern auch das Selbstbewusstsein am Ende gestärkt hervor.

Bastelei

Längst schon hat Collagieren Eingang gefunden in die „Hochkunst“, wird dennoch auch heute noch gerne verächtlich als „Hobbykunst“ und „Kreativspielerei“ abgetan. In der Tat gehört es zu den erstaunlichen Vorzügen dieser künstlerischen Praxis, dass sie ihren Platz in jeder Beschäftigungstherapie behaupten kann, ohne dabei an künstlerischer oder kunsttherapeutischer Relevanz einzubüssen. Durch die ethnologischen Forschungen, die Claude Lévi-Strauss in indianischen Stammeskulturen betrieben hat, ist dem Begriff der „Bastelei“ inzwischen eine „seriöse“ Bedeutung zugewachsen. Der entsprechende französische Terminus „bricolage“ nimmt im zeitgenössischen Denken über „primitive“, archaische, vorbewusste und intuitive Produktionsweisen von Kunst einen privilegierten Platz ein. So bekennt etwa der Erzähler W.G.Sebald in einem Interview: „Ich arbeite nach dem System der ‚bricolage’ – im Sinne von Lévi-Strauss. Das ist eine Form von wildem Arbeiten, von vorrationalem Denken, wo man in zufällig akkumulierten Fundstücken so lange herumwühlt, bis sie sich irgendwie zusammenreimen.“1 Die Collage – ein Gebilde aus der Interaktion von innerer Bildvorstellung und äußeren Bildfragmenten. Ein Zwischending zwischen Konstruktion und Gewächs – eben eine „Bastelei“.

Kollision

Grundsätzlich lassen sich in der Collagetechnik zwei entgegengesetzte Vorgehensweisen unterscheiden: die eine besteht darin, die vorgefundenen Einzelteile („Fragmente“) so zusammenzustellen, dass sie ‚zusammenpassen’ (harmonieren). Ästhetisches Vorbild für die Collage ist dann das traditionelle, mehr oder weniger gegenständliche Tafelbild. Hier spielen Übergänge, die Einheit von Vorder- und Hintergrund, Farbperspektive und dergleichen mehr eine Rolle. Die Collage nähert sich dem (figürlichen oder gegenständlichen) Gemälde und der Photographie an. Sie bleibt dabei mehr oder weniger „illusionistisch“. Die andere Methode zielt auf Bruch und Kontrast, bei gleichzeitiger Betonung des materialen Aspekts. Ein aggressiv eingefärbter Duktus, der mit dem Schneiden, Zerreißen, Zerstören der Vorlagen begonnen hat, setzt sich fort. Die Elemente werden nicht auf Harmonie, auf formale oder inhaltliche Stimmigkeit hin zusammengestellt, sondern in Spannungsbeziehungen gebracht. Riss und Schnitt sind konstitutiv und bleiben ausdrücklich stehen. An die Stelle des Übergangs tritt der Kontrast. Es geht nicht darum Bruchlinien zu verdecken, sondern als Gestaltungselemente einzusetzen und zur Geltung zu bringen (Mosaik, Bleiglasfenster, vor allem aber Scherenschnitt und Schattenriss geben hier eine ästhetische Orientierung). Die Collage ist in der Krisenzeit des Dadaismus zum bevorzugten bildnerischen Genre erhoben worden, weil sie hervorragend geeignet ist, nicht nur Kontrastwirkungen, sondern auch Kollisionserfahrungen auszudrücken und mit ihren psychischen Auswirkungen und Weiterungen zur Darstellung zu bringen. Die Collagen jener Epoche des Umbruchs zeigen in exemplarischer Weise, wie ein hereinbrechendes Neues, das noch keine präzisierbare Physiognomie besitzt, mit den verlebten Kulissen und maroden Szenarien eines herrschenden gesellschaftlichen Bewusstseins zusammenprallt. Im „éclat“, den die Collage so drastisch auszudrücken vermag, treffen Befremden und Hoffnungsschimmer, Erschrecken und Erwachen auf einander. Niedergang und Aufgang, Zusammensturz und Aufbruch werden in ein künstlerisch gestaltetes Spannungsverhältnis gebracht.

Symbolisieren

Symbolisieren soll hier verstanden werden als Fähigkeit, Zersprengtes und Disparates künstlerisch sinnvoll zu organisieren. Genau das geschieht im Collagieren: Abgeschnittenes und Zertrenntes wird in Zusammenhang und Beziehung gebracht. Das bedeutet tendenzielle Aufhebung der Isolation und Fremdkörperlichkeit, die dem Fragmentierten in der Regel anhaften. Der Bezug der Collage zur gesellschaftlichen und individuellen Realität, zu den „Wirklichkeiten“ der Welt, verläuft auch über die Elemente, aus denen sie verfertigt worden ist. „Ich will nicht, dass ein Bild wie etwas aussieht, was es nicht ist, und ich bin der Meinung, dass ein Bild wirklicher ist, wenn es aus Teilen der wirklichen Welt gemacht ist.“ (Rauschenberg, 2006)2 Neben dem Weltbezug stellt das Collagieren einen Selbstbezug her. Das Individuum trifft sich in der Regel und in der Mehrzahl der Alltagsumstände in einem Zustand der Zerstreuung an. Das Collagieren bietet spielerische und schöpferische Möglichkeiten der Sammlung aus Zerstreuung und Zersplitterung. Es leitet an zu Symbolsuche und –findung. Über die Beziehungen, die sich in der Collage zwischen den Fragmenten aufbauen, oft in Korrespondenz zur Verknüpfung psychischer Anteile der gestaltenden Person, kommt es zu Symbolisierungen, die den Weg bahnen können zum Verständnis innerer und äußerer Problemlagen. Entscheidend dabei ist, dass die Verknüpfung von Disparatem, also die zentrale Leistung des Symbols, sich auch auf die schwer fasslichen und widerstrebenden Regungen und Strebungen im Seelischen beziehen kann. Zur Illustration dessen, was hier gemeint ist, sei eine Bemerkung Montaignes herangezogen: „Wir bestehen alle nur aus buntscheckigen Fetzen, die so locker und lose aneinander hängen, dass jeder von ihnen jeden Augenblick flattert, wie er will; daher gibt es ebenso viele Unterschiede zwischen uns und uns selbst wie zwischen uns und den anderen.“ (Montaigne, 1998, 167) Montaignes humorvoll skizziertes Menschen-Bild zeigt, worum es geht und worum es nicht gehen kann: es kann nicht darum gehen, die buntscheckigen Stofflappen durch Zusammennähen am Flattern zu hindern. Aber es ist sehr wohl möglich, die Fetzen- oder Fragmentakkumulation, die jede und jeder von uns darstellt, so gründlich und geduldig in Erfahrung zu bringen, dass diese Erfahrung zu einem nicht notwendigerweise freundschaftlichen, aber doch nachsichtigen und duldsamen Umgang mit sich selbst und anderen befähigt. So könnten wir uns dann etwa bereit finden, in den oftmals befremdenden Mitpersonen nicht nur Vogelscheuchen zu sehen, sondern eine Art Interesse entwickeln für das Spiel der buntscheckigen und wehenden Fetzen und den durchtreibenden Windhauch, Luftzug oder Strom, der sie mal mild, mal wild zum Tanzen bringt.

Literatur

  • - Benjamin, Walter (1961), Illuminationen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp
  • - Kollmorgen, Charlotte (1988), Collagen-Therapie. Bildnerische Arbeit mit Herzinfarktpatienten in der Rehabilitationsklinik. Berlin: Marhold
  • - Montaigne, Michel de (1998), Essais. Frankfurt a.M.: Eichborn
  • - Nietzsche, Friedrich (1955), Die Geburt der Tragödie, Stuttgart: Kröner
  • - Platschek, Hans (1962), Bilder als Fragezeichen, München: Piper
  • - Spies, Werner (1988), Max Ernst. Collagen, Köln: DuMont
  • - Spies, Werner (2009), Albtraum und Befreiung. Max Ernst in der Sammlung Würth, Künzelsau